Die Firma Espermüller im Wandel der Zeit ![]() Die Espermühle ist der älteste noch bestehende Handwerksbetrieb in Bayrisch-Schwaben und liegt seit 1439 genealogisch nachweislich in Familienhand. Mühlen stellten im Mittelalter höchstentwickelte, technisch ausgeklügelte Maschinerien zur Kraftübertragung dar und waren bis zur Erfindung der Dampfmaschine neben der Windkraft die einzigen Möglichkeiten zur Gewinnung großer Energiemengen. Die Espermühle war die größte von sechs damalig in Kaufbeuren befindlichen Mühlen, vier davon wurden wenigstens eine Zeitlang von einem Stamm der Familie Espermüller betrieben. Die Ursprünge der Espermühle reichen bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts zurück. Es handelte sich um ein Reichslehen, das durch Kaiser oder König an Kronvasallen und von diesen an Untervasallen oder „Beständer“, die Müller, weitergegeben wurde. Das Wort Espan oder Espach ist abgeleitet vom Mittelhochdeutschen ezzisch (Saat), welches eine Gemeindeviehweide außerhalb der Stadtgrenzen bezeichnet. Dem Umstand, daß die Espermühle altes Königsgut war und somit Belehnungen durch Vasallen und Kompetenzstreitigkeiten schriftlich dokumentiert wurden, ist es zu verdanken, daß die Anfänge gut dokumentiert sind. Die erste überlieferte Erwähnung datiert aus dem Jahr 1309. Es handelt sich um die indirekte Nennung aus dem Jahre 1604: „Item die große Mühlin zu Kauffbeuren, zur Zeit die Espänmühlin genannt, vor 295 Jahren der Römischen Kayserlichen Majestät und deß H. Reichs freyes Eigenthumb gewesen“. In einem Gutachten aus dem Jahre 1937 wird in Verbindung mit dem Jahr 1136 ein Wehrbau erwähnt, der ohne das Vorhandensein mehrerer großer Mühlen wohl nicht getätigt worden wäre. Die Espermühle ist wohl in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden. In einer Urkunde aus dem Jahre 1369 erfolgt die erste urkundliche Erwähnung des Namens „Espermüller“, ein Name der zunächst als Berufsbezeichnung im Sinne von „Müller auf der Espermühle“ verstanden werden muss. Im Jahre 1439 kamen die jetzigen Espermüller auf die Mühle: Hans Kohler aus Linden erwarb das Erblehensrecht an der Espermühle und war fortan ihr Beständer. Die Urkunde von 1439 beschreibt die Espermühle wie folgt: „Müle under unser Statt vff dem Espann an dem Mülbach gelegn mit dem mülwerk und mit der hofraytung, mülheusern, stadel vnd garten (...) mit dem plezen und engerlin darpey auch wie die vmbfangen sind.“ Es handelte sich um eine Mahl- und Sägemühle, daneben waren Einrichtungen zum Schleifen, Stampfen (Lodentücher wurden mit Hämmern in warmen Wasser gestampft), Pluien (auch Ploien: Wäsche wird mit einem Hammer geschlagen, in der Regel von Hand mit dem sogenannten Waschploi, bei der Espermühle vermutlich mechanisiert mit einem Hammer) und Walken vorhanden. Privatrechtlich betrafen die „Lehen“ in dieser Zeit hauptsächlich den Grund und Boden, das persönliche Element der Vasallenbindung spielte nur noch eine untergeordnete Rolle. 1440 wurden Konrad Endorffer und Jörg Spleiß als Lehensträger bestellt. 1450 brannte die Mühle das erste Mal ab. Neben Hans Espermüller werden ein Peter, Jörg und Bernhard Espermüller, sowie Hans II., der Sohn des „Stammvaters“, sowie dessen 1465 erstmals erwähnte Söhne Hans III. und Christian Espermüller erwähnt. Die Espermüller standen damals in hohem Ansehen und wirtschaftlicher Prosperität. Im 16. Jahrhundert, zur Zeit der Reformation, konvertierten die Espermüller zum Protestantismus. Daran maßgeblich beteiligt dürfte der Prediger und Schwenckfelder Matthias Espermüller sein, der vehement für seinen Glauben eintrat und 1545 deswegen sogar die Stadt verlassen musste. Die 2. Hälfte des 16. Jahrhundert war für die Familie von Wachstum und Wohlstand gekennzeichnet. Hans Espermüller bekleidete das Amt des Bürgermeisters in den Jahren 1558/59. Im Jahre 1569 tauschte er die Mühle mit seinem Sohn Matthias. Dieser verstarb allerdings sehr früh, weswegen die Witwe 1572 die Mühle der Stadt zum Kauf anbot. Nachdem dies scheiterte wurde ihr späterer Ehemann Christian Gast neuer Beständer. Im 16. Jahrhundert tauchte erstmalig das Wappen der Espermüller auf. Dieses be-stand ursprünglich aus der zweifachen Abbildung eines Mannes, der auf einem Motiv säbeltragend ein Gewehr schultert und das andere Mal säbeltragend ein Mühleisen hält. Im 20. Jahrhundert wurde dieses Wappen modifiziert: Es stellt seitdem zweimal jenen Mann mit Mühleisen und Schwert dar, um deutlicher auf die Mühle als hauptsächlichen Erwerbszweig hinzuweisen. ![]() 1603 wurde Bernhard Espermüller Nachfolger von Wilhelm Gast. Somit war das kurze Intermezzo einer anderen Familie auf der Espermühle beendet. 1625 übernahm Matthias Espermüller die Mühle von seiner verwitweten Mutter. Während dieser Zeit hatte er mit extremen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, weswegen er die Stadt um einen Nachlaß bei der sogenannten „Mühlengult“ bat. Nachdem Matthias zwischen 1654 und 1660 verstorben war, wurde seiner Witwe Euphrosina die Mühlengult herabgesetzt. 1668 übergab sie die Mühle an ihren Sohn Johannes. In der Kaufurkunde wurde erstmalig eine Lohmühle (Einrichtung zum Zerkleinern und Entrinden von Holz, mit deren Hilfe die Rotgerber Leder herstellen konnten) erwähnt. 1672 erwarb Johannes als zusätzliche Einnahmequelle die Genehmigung zum Malzbrechen. Im Verlauf der weiteren schwierigen wirtschaftlichen Lage musste Johannes zum Nebenerwerb Feldarbeit leisten. Am 08. April 1720 brannte die Espermühle zum 2. Mal ab. Bis 1727 fand eine Besitzübergabe an Balthasar und Johann Espermüller statt, die Söhne von Johannes Espermüller. 1730 wird Josef Espermüller als Betreiber der Öl- und Sägemühle genannt. 1744 verkaufte die Witwe Balthasars die Mühle an Melchior Espermüller aus Augsburg, bereits 1750 wurde sie an Johannes, den Sohn Balthasars verkauft. Ein Jahr später errichtete dieser eine Walke, die Ölmühle wurde aufgegeben. 1754 wurde das Leinwandwalken offiziell erlaubt. 1761 wiederum gab es einen Brand ihn Lohmühle und Walke, schon die 3. Kata-strophe in diesem Jahrhundert. Mit der Mediatisierung und der damit verbundenen Einverleibung Kaufbeurens in den bayrischen Staat wurde die Espermühle unabhängig vom römisch-deutschen Kaiser als Oberlehensherren und vollkommen in die Stadt als oberste Instanz eingegliedert. 1802 verlieh Kaiser Franz II. die Espermühle Christoph Daniel Walch und Johann Georg Wagenseil als Unterlehensherren, was faktisch bereits überholt war, da es offiziell keine Kaufbeurer Bürger mehr als Unterlehensherren gab. Diese Urkunde ist die letzte für Kaufbeuren ausgestellte Urkunde des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen. 1819 brannte die Sägemühle nieder. In dieser Zeit hatte Christian Espermüller die Säge inne. In dieser schwierigen Situation wurde ihm ein Antrag auf Aufspaltung des Mühlengutes zur Verteilung der Belastungen genehmigt. Infolgedessen kam es nach seinem Tod erstmalig zur Trennung zwischen Mahl- und Sägemühle: sein älterer Sohn Johannes übernahm die Holzverarbeitung, der jüngere Sohn Georg Jakob kümmerte sich um das Getreide. 1855 übernahm Johannes Sohn Gustav Adolf die Sägemühle. Der bis dahin kinder-lose Georg Jakob verkaufte das Mühlwerk an seinen Neffen Gustav Adolf. Somit waren beide Mühlen wieder unter der selben Führung. 1885 übergab Gustav Adolf die Mühle an seine beide Söhne Fritz und Adolf, wobei Fritz die Sägemühle betrieb. Im Zuge der Industrialisierung und dem damit verbundenen allgemeinen Aufschwung modernisierte Adolf die Mühle durch Einsatz von Walzenstühlen statt Steinmahlwerken. Da er diese sehr moderne Technik aus Ungarn kannte, zierte ab sofort ein Schild mit der Aufschrift „Ungarische Hochmüllerei“ die Mühle. Aufgrund dieser technisch-industriellen Fortschrittlichkeit wurde die Mühle damals auch „Kunstmühle“ genannt. ![]() Adolf entwickelte mit Pfarrer Sebastian Kneipp das sogenannte Graham-Mehl, ein spezielles Dinkelmehl, das heutzutage noch in Gebrauch ist. Ebenso wurde die Sägemühle durch die Sparte des Hobelns erweitert und 1909 die erste Trocknungsanlage für Holz gebaut, wodurch die Lagerbestände geringer gehalten werden konnten. 1909 expandierte die Firma in Geltendorf, wo 300 Tagwerk Wald gekauft wurden. Der kinderlos gebliebene Adolf verkaufte schließlich 1912 die Mahlmühle an seinen Bruder Fritz. Dieser modernisierte im selben Jahr umfassend den Betrieb. Die alten mittelschlächtigen Wasserräder wurden gegen moderne Turbinen ausgetauscht. In diesem Zuge wurde ein Gleichstromgenerator an die Turbinen angeschlossen und eine sogenannte Lokomobile (Dampfmaschine) als Ersatzantrieb eingebaut. Folge war, daß 1912 bereits elektrisches Licht auf der Espermühle zur Verfügung stand, während der Strom in „Rest-Kaufbeuren“ erst 1918 eingeführt wurde. Die Turbine der Mahlmühle läuft noch heute in ihrer ursprünglichen Gestalt und erzeugt Strom. 1917 konnte durch Fritz Espermüller sc hließlich das unbegrenzt gültige Erbbaurecht am Mühlbach notariell festgestellt werden. Dies ermöglichte ein hohes Maß an Rechtssicherheit in Bezug auf die existentielle Wassernutzung. Der während des ersten Weltkrieges einsetzende Nachfrageschub konnte nicht ausreichend umgesetzt werden , da kriegsbedingt Personal abgezogen wurde. Fritz Espermüller jun. wurde in dieser Zeit zum Vorstand des Holzinteressentenvereines berufen, welcher zukünftig immer mehr an Bedeutung gewann. ![]() Für eine bessere Verkehrsanbindung pachteten 1916 Vater und Sohn Espermüller ein Filialwerk in Lindenberg, welches mit einem Bahnanschluss ausgestattet war. 1918 erfolgte der Kauf dieses Werkes, 1922 eine Erweiterung des Geländes um 2 Hektar. Zugleich wurde das Unternehmen in eine KG umgewandelt; der Grundbesitz blieb in Privathand, der Geschäftsbetrieb und die Sägeeinrichtung gingen ins Gesellschaftsvermögen über. 1 Jahr darauf verstarb Fritz Espermüller senior, der den lokal agierenden Handwerksbetrieb zu einem Großbetrieb mit 2 Standorten und beachtlichem Grundbesitz ausgebaut hatte. Fritz jun. hatte 1922 hauptsächlich mit der Inflation zu kämpfen. Im Zuge dieser Entwicklung musste Firma Espermüller, um sich von der allgemeinen Preisentwicklung abzukoppeln, eigenes Notgeld herausgeben. Positive Auswirkung war, daß die aus den vorangegangenen Investitionen entstandenen Kreditschulden praktisch hinfällig waren. 1924 wurde ein neuer Gesellschaftsvertrag verfasst, in dem Fritz jun. und sein Bruder Max als persönlich haftende Gesellschafter aufgenommen wurden. 1932, nach dem Tode von Fritz´ Witwe Laura, wurden die Geschwister Wilhelmine, Fritz und Max Espermüller zu jeweils einem Drittel Inhaber des Gesamtunternehmens. 1926 war ein neues Büro und Stallgebäude erworben worden, 1927 – 1929 wurden weitere Grundstücke gekauft. 1935 wurde die Mahlmühle umfangreich renoviert und erhielt das heutige Aussehen. ![]() Der Giebelbau der Mahlmühle wich einem Flachdach. Während dieser Umbauarbeiten verunglückte Max Espermüller bei dem Versuch, einen Arbeiter vor der rotierenden Sichtmaschine zu retten. Fritz Espermüller war nun komplett auf sich allein gestellt und wurde in den nächsten Jahren zur entscheidenden Integrationsfigur des gesamten Betriebes. 1939 begannen die ersten Planungen für eine vollständige Modernisierung des Sägemühlenbetriebes. Der Umbau wurde durch die beengten Platzverhältnisse auf der einen Seite sowie durch politische Hemmnisse auf der anderen Seite erschwert: Fritz war kein Mitglied der NSDAP und machte aus seiner Abneigung gegen das Regime auch keinen Hehl. Hier kam ihm seine Stellung im Holzinteressentenverband zur Hilfe. Er konnte bis 1943 trotz des Krieges einen modernen Schwerkraftrollengang, eine Späne-Absaugeinrichtung und einen neuen Lokomobilenraum errichten. Bis Kriegsende versuchte man mithilfe eigener Schreiner, Wagner, Schlosser, Sattler, Elektromonteure, Maschinisten, Werkmeister, Platzmeister, Waldmeister und Kraftfahrer so autark wie möglich zu sein. Der Betrieb wurde streng hierarchisch-patriacharlisch strukturiert. Nach 1945 war die Firma Espermüller zum größten Mühlenbetrieb in bayrisch Schwaben avanciert. Die Währungsreform, die Umstellung auf die freie Wirtschaft, neue und meist höhere Steuern sowie die Umstellung auf Motorkraft als Transportmittel stellten nun die Herausforderungen dar. Eine neue Schnittholzlagerverordnung engte den unternehmerischen Spielraum zusätzlich ein. Der finanzielle Rückhalt aus den Waldbesitzungen wirkte sich hier positiv aus. 1950 konnte ein neues Bürogebäude aus Stahlbeton errichtet werden. 1961 starb Fritz Espermüller. Der Waldbesitz ging in die Waldgemeinschaft „Fritz Espermüllersche Erben“ über, der Sägebetrieb wurde weitergeführt. Hans Espermüller, inzwischen Bürgermeister von Kaufbeuren, führte die Mahlmühle fort. 1970 musste diese schließlich aufgrund des Konkurrenzdruckes aus billigeren Anbaugebieten den Betrieb einstellen. 1962 wurde das Hobelwerk mechanisiert, 1965 der Mühlbach auf dem Betriebsgelände begradigt, um eine moderne Längssortieranlage bauen zu können. Durch die erreichte Produktivitätssteigerung konnte das Werk Lindenberg weiterverpachtet werden. Mitte der 1970er Jahre hegte ein Großteil der Firmenbeteiligten den Wunsch, aufgrund der wirtschaftlich schwierigen Lage aus dem Betrieb auszusteigen. Max Espermüller entschloss sich damals, wenigstens das Hobelwerk unter seiner Leitung weiterzuführen. 1974 kam es zur sogenannten Realteilung, bei der der gesamte Betrieb durch die gegründete F. Espermüller Forstbetrieb und Grundstücksverwaltungs KG bis 1976 liquidiert wurde. Ausnahme war die 16%-ige Beteiligung von Max Espermüller, die er fortan an als Einzelfirma Fritz Espermüller weiterführte. 1983 wurde eine neue große Lagerhalle errichtet, die 1988 erweitert wurde. In diesem Jahr brannte es erneut, jedoch konnte der Schaden auf das Kesselhaus beschränkt werden. 1991 erfolgte der Komplettumbau der Rechenreinigungsanlage auf automatische Sperrung, 1992 der Bau eines Schnittholzlagerplatzes an der Mindelheimer Strasse. ![]() 1993 kam es zur Umwandlung in eine GmbH & Co. KG. 1995 wurde der Betrieb auf seinen Sohn Thomas übertragen. 1999 schied Max Espermüller aus der Firma aus. 2000 wurde Thomas´ Tochter Lisa Maria geboren, mittlerweile die 19. Generation. Unerwartet verstarb im Jahre 2004 Thomas Espermüller. Eine Nachfolge innerhalb der Familie stand zu dieser Zeit nicht zur Verfügung. Somit wurde die Geschäftsführung aus der Firma heraus neu besetzt. 2004 wurde eine neue Heizungsanlage installiert. Ab 2005 wurde der ESKA Holzmarkt grundlegend überarbeitet und als Ausstellungsplattform für modernes Wohnen zu einem zentralen Anlaufpunkt für Handwerksbetriebe und deren Kunden. 2006 erfolgte eine Erweiterung der großen Lagerhalle im Osten. 2008 wurden die Fahrstrassen neu asphaltiert. Ziel ist es, die historische Substanz des Betriebes behutsam der Moderne anzunähern. Die Firma Espermüller hat sich heute als service- und qualitätsorientiertes holzbearbeitendes Unternehmen im Groß- und Einzelhandel etabliert. |
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